Religion

Eine Gruppe von Männern, in Decken gehüllt, sitzt im Kreis auf dem kargen Waldboden. Sie schweigen. In der Stille hört man nur das Rascheln dürrer Blätter. Der Medizinmann steht in der Mitte und hält die holzgeschnitzte Friedenspfeife in seinen Händen. Mit einem brennenden Span bringt er die Tabakkrümel im Pfeifenkopf zum Glimmen. Er setzt das Mundstück an die Lippen, nimmt einen tiefen Zug und legt den Kopf in den Nacken. Dann bläst er mit halbgeschlossenen Augen den Rauch empor in Richtung Sonne. Für die Indianer, die an der Zeremonie teilnehmen, steht fest: Die Sonne wird den mit dem Atem des Lebens vermischten Rauch zum Großen Geist tragen, zu Kitsche Manitu.

Den ersten Zug aus der Friedenspfeife widmen die Indianer stets der Sonne. sie gilt als himmliche Vatergestalt, als männliche Macht. Sie befruchtet die Erde und schenkt Leben. Als Kitche Manitu bezeichnen aber nur die Stämme des Nordostens diese Macht. In der Prärie heißt der Große Geist zum Beispiel Maho Peneta, im Südosten Shilup Chito Osh. So verschieden wie diese Namen sind auch die Religionen der Indianer.

In jedem Stamm gibt es eigene Geister, Mythen und Zeremonien. Zwei Gottheiten allerdings haben alle nordamerikanischen Indianer gemeinsam: den Himmelsvater und die Erdmutter. Ihr gilt stets der zweite Zug aus der Friedenspfeife. Als symbolische Mutter versorgt die von der Sonne befruchtete Erde alle Lebewesen mit Nahrung. Sie "gebärt" Pflanzen, gibt Kraft und Leben. Der Erde begegnen die Indianer mit Liebe und Achtung. Landbesitz kennen sie nicht ­ schließlich kann niemand seine Mutter besitzen.
Als besondere Gabe der Erde sehen die Indianer den Mais an. Um ihn ranken sich viele Mythen und Zeremonien. Im Süden ist das "Fest des grünen Maises", eine Art Erntedankfest, das wichtigste Ritual des Jahres. Mit symbolischen Reinigungen, speziellen Tänzen und Gesängen dankt man der Erdmutter und den Maisgeistern für die Segnung mit Nahrung.
Wie bei jeder Zeremonie darf auch hierbei das Kalumet, die Friedenspfeife, nicht fehlen ­ der wichtigste Kultgegenstand aller Indianerstämme. Im Kleinen spiegelt sie deren viergeteilte Welt wieder: die stoffliche Welt (die Erde), die Welt der Pflanzen, die der Tiere und die der Menschen.
Diese verschiedenen Welten sind deutlich zu erkennen: Ein tönerner oder steinerner Pfeifenkopf steht für die Erde, angehängte Federn und Fellstücke sind Zeichen der Tierwelt. Der Tabak repräsentiert die Pflanzenwelt. Er ist gleichzeitig Symbol für Vergänglichkeit: Mit dem Atem des Lebens vermischt steigt der Rauch als letztes Überbleibsel des Lebens zum Himmelvater auf.
Magische Kräfte bekommt das Kalumet, wenn es in ein Medizinbündel gepackt wird. Dieser Lederbeutel enthält verschiedene Gegenstände, zum Beispiel Tierkrallen und seltene Steine. Ihrem "Biberbündel" sagen die Blackfeet­Indianer nach, es könne Bisonherden anlocken. Nur in Notzeiten darf es geöffnet werden, wobei seine magischen Kräfte freigesetzt werden. Der Rauch der Friedenspfeife kann diese Kräfte dann hinaus in die Welt tragen.

Bei Zeremonien und im täglichen Leben ist das höchste Ziel der Indianer die Harmonie. Die vier unterschiedlichen Welten sollen sich stets im Gleichgewicht befinden. Keine hat ohne die andere einen Sinn, und alle sind gleich viel wert. Menschen, Tiere, Pflanzen, selbst der kleinste Stein ­ alles ist nach Auffassung der Indianer beseelt.
Wer ein Tier tötet, muß sich vor der Tierwelt durch Gebete rechtfertigen. Wer dagegen Leben verschwendet, den strafen die Geister. Viele Indianermärchen berichten von Menschen, die vom "Bärenvolk" entführt wurden, weil sie sinnlos töteten oder auch nur Schlechtes über die Bären sagten. Das geisterhafte "Wasservolk" soll sogar ganze Dörfer vernichtet haben, weil Jugendliche die Fische quälten.
Die Indianer versuchen deshalb, im Einklang mit der Natur zu leben. Die Naturgewalten verstehen sie als göttliche Kräfte, wie überhaupt alles um sie herum von göttlichem Geist beseelt ist. Einen konkreten, allmächtigen Gott, wie ihn zum Beispiel Christen und Moslems haben, kennen die Indianer nicht. Daher gibt es bei ihnen auch keine Kirchen und Gottesdienste, um bestimmte Götter anzubeten.
Die Religion wird als Teil des Alltags empfunden. Sichtbar wird das auf den Zelten der Prärie­Indianer: Sie sind mit religiösen Motiven bemalt, auch mit Bildern von Visionen, Träumen und Heldentaten des Zeltbesitzers. In jedem Fall wird auch die Natur dargestellt: Auf die schwarz gefärbte Zeltspitze malen die Indianer Symbole für Sterne, Sternbilder und die Sonne. Der untere Zeltrand wird häufig gelb oder rot eingefärbt ­ die Farbe der Erdmutter.
Unterschiedliche Vorstellungen gibt es unter den einzelnen Stämmen vom Leben nach dem Tod, von der Entstehung der Welt und den Naturgeistern. Je komplizierter die Sozialstruktur eines Stammes ist, desto ausführlicher sind auch seine Mythen. Die Kwakiutl, Tlingit und Haida zum Beispiel (im Nordwesten) treiben Handel und leben in großen Dörfern zusammen. Hier ist der Glaube an die Totems besonders ausgeprägt: Jeder Mensch gehört einem solchen Totem an und stammt von ihm ab.
Die mythischen Ahnenväter der einzelnen Clans waren Totemtiere ­ dämonische Halbwesen mit tierischen und menschlichen Eigenschaften. Wolf und Biber, Bär und Adler gehören dazu, auch Schlidkröte und Rabe. Die Totems werden wie Wappen gebraucht: Die Indianer des Nordwestens stellen vor ihren Häusern kunstvoll geschnitzte Totempfähle auf, an denen jeder Rang und Stammbaum des Besitzers erkennen kann. Wenn die Ojibwa­Indianer einem Fremden begegnen, fragen sie ihn zuerst nach seinem Totem ­ dann erst nach seinem Namen. Der Grund: Gleiche Totems bedeuten Bruderschaft und Seelenverwandtschaft. Das ist wichtiger als die Familien­ und Dorfzugehörigkeit. Die Bruderschaft gilt als so stark, daß innerhalb eines Totems nicht geheiratet werden darf.

Stämme mit kompliziertem Sozialgefüge haben eine ausgeklügelte Art entwickelt, ihre mythische Stammesgeschichte zu überliefern. Am einfachsten ist es, die alten Geschichten zu erzählen oder als Lied vorzusingen. Bei den Tlingit und Haida aber gibt es mythische Theaterstücke. Sie werden bei religiösen Festen aufgeführt. Holzschnitzer bauen dazu komplizierte Masken, die sich mit versteckten Schnüren aufklappen und verwandeln lassen. Aus einem grimmigen Adlerkopf kann so ein freundliches Menschengesicht werden. Wer bei Zeremonien in einer solchen Maske als Tänzer auftreten darf, genießt hohes Ansehen. Gleichzeitig dienen die Feste dazu, soziale Kontakte zu festigen: Zu den Theateraufführungen kommen Familien aus entfernten Dörfern angereist, um Angehörige zu treffen.

Für junge Männer verschiedener Stämme ist es wichtig, eine Vision zu empfangen. Durch sie wird das kindliche Dasein zu einem richtigen, sinnerfüllten Leben. Frauen dagegen sind nach verbreiteter Auffassung von Natur aus vollkommen, weil sie wie die Erdmutter Leben schenken können. Es steht ihnen aber frei, trotzdem ihre Vision zu suchen.
Die Ojibwa müssen dazu mehrere Tage an einem heiligen Ort fasten und meditieren. Meist in einer abgelegenen Berggegend oder beim Grab eines Schamanen. Die Vision kann sich bei Tag einstellen oder nachts, im Traum. Die Fähigkeit zu träumen, glauben die Indianer, unterscheide den Menschen vom Tier. Ist die Vision gefunden, so soll der Betreffende sein ganzes Leben darauf abstellen, sie zu erfüllen.

Im Leben der Prärie­Indianer können sich Visionen auch bei einer besonderen Zeremonie einstellen: beim Sonnentanz. Mit Bewegungen zu Musik hat er nur wenig zu tun: Jeder "Tänzer" läßt sich an Brust oder Rücken die Haut aufschlitzen; durch zwei jeweils benachbarte Schlitze wird ein Holzstab geschoben. Lange Seile verbinden die Stäbe mit einem Pfahl, der in der Mitte einer speziellen Hütte steht. Die Sonnentänzer haben ihre Körper bemalt, sie tragen Ketten aus Federn und Skalphaaren. Die Männer müssen in die Sonne sehen und sich so weit zurücklehnen, daß möglichst ihr ganzes Gewicht an den Pflöcken und somit an den Fleischwunden hängt. Im Rhythmus zum Trommelschlag und beim Singen monotoner Lieder bewegen sich die Tänzer im Kreis. Mancher verliert das Bewußtsein und erlebt nun vielleicht eine Vision. Wer es schafft, die Prozedur von Sonnenauf­ bis Sonnenuntergang durchzuhalten, hat den Kontakt zu den übernatürlichen Mächten hergestellt: Er darf Medizinmann weren. Viele Tänzer wollen oder können nicht so lange warten. Sie reißen sich nach einiger Zeit gewaltsam los. Das ist keine Schande: Durch Kasteiung haben sie die Geister freundlich gestimmt. Und die Narben der Zeremonie werden das Ansehen der Männer auf jeden Fall enorm steigern.

Als "Tanz" gelten bei den Indianern alle zeremoniellen Bewegungsabläufe. Oft geben Trommeln den Rhythmus vor; sie stacheln die Tänzer an oder helfen ihnen, in Trance zu verfallen. Im Trancezustand kann der ekstatisch tanzende Mensch mit den Geistern in Verbindung treten, glauben die Indianer. Wer beim Tanz von einem Tiergeist besessen ist, ahmt die typischen Bewegungen des Tieres nach: wilde Sprünge, Schütteln, "Flattern", Scharren mit dem Fuß.
Gruppentänze, die der europäischen Vorstellung von Tanz nahekommen, gibt es auch. Doch diese Tänze sind in den Zeremonien weniger bedeutend als die ekstatischen Solotänze. Eine Tanzart, die Europäern eher wie Spaßmacherei erscheint, ist der Narrentanz. Dabei stellen die Indianer den "Gegensatz" dar, eines der Grundprinzipien des indianischen Weltbildes. Sie ziehen sich absurde Kostüme an und tun genau das Gegenteil des Normalen: Sie setzen sich verkehrt herum aufs Pferd oder trocknen sich ab, bevor sie im Fluß baden.
Im indianischen Glauben spielen Gegensatzpaare eine große Rolle. Himmelsvater und Erdmutter, Sommer und Winter, Tag und Nacht sind die augenfälligsten Zeichen der dualen Natur der Welt. In der eigenen Familie aber ist eine bestimmte Paarkonstellation gefürchtet: Zwillingskinder. Wenn sie zur Welt kommen, so bedeutet das nichts Gutes.
In vielen Schöpfungsmythen tauchen Zwillinge auf, die sich gegenseitig umbringen oder der Welt schaden. Im Nordwesten müssen Eltern von Zwillingen deshalb ein Jahr lang außerhalb des Dorfes leben ­ die Kinder könnten sonst die Lachse vertreiben. Andere Stämme setzen Zwillinge aus oder töten eines der Kinder, um Schaden vom Stamm abzuwenden. Überlebenden Zwillingen wird allerdings eine besondere Beziehung zur Geisterwelt nachgesagt. Sie können mächtige Schamanen werden.

Der Schamane selbst hat auch eine Doppelnatur. Als Vermittler zwischen Menschen und Geistern ist er unentbehrlich bei Zeremonien und bei der Heilung Kranker. Sogar ins "Land der Seelen", ins Totenreich, kann er reisen. Er besitzt aber auch die Gabe, Menschen zu verhexen. Daher bleibt er eine unheimliche Gestalt am Rand der Gesellschaft.
Ebenso zwielichtig sind die "Trickster". Diese Fabelwesen erscheinen oft in Gestalt eines Raben, Eichelhähers, Hasen oder Kojoten. Sie haben menschliche und tierische Eigenschaften und wirken gleichzeitig als Schöpfer, Heilsbringer und Betrüger. Trickster gelten als neugierig und gewitzt, aber auch als habgierig und diebisch. In mythischer Vorzeit entlockten sie dem Urvolk oder den Geistern mit List und Tücke Dinge, die dann den Menschen zugute kamen: Der Hase, von dem die Indianer im Südosten erzählen, daß er das Feuer in die Welt gebracht habe. Fasziniert von den Flammen, um die das Urvolk tanzte, mischte sich der Hase verkleidet unter die Tänzer. Er trug ein Bündel dürrer Zweige als Kopfschmuck. Als es zu brennen begann, flüchtete das Tier und entführte so das Feuer. Eigentlich hatte der Hase es für sich selbst haben wollen. So aber verbreitete es sich über die ganze Erde.

© 1998 s.weny

zurrück zur Startseite